Viele Kulturen kennen Geschichten oder Mythen, die sich mit dem Dualismus auseinandersetzen, also der Theorie, dass es zwei polarisierende Kräfte gibt, die ihren Einfluss auf die Welt ausüben. Man denke zum Beispiel an den zweigesichtigen römischen Gott Janus (von dem wir den Januar haben), oder die vielen Geschichten der Populärkultur, die sich mit dem rein Guten und dem abgrundtief Bösen befassen. Auch die Novelle „Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde“ lässt sich wohl in der Auseinandersetzung mit dem Dualismus unterbringen: Dem anständigen Dr Jekyll gelingt es, durch einen Trank das Gute und das Schlechte in der Seele zu trennen und verwandelt sich dadurch in den gewissen- und skrupellosen Mr Hyde. Auch der DT Bäretswil zeigte kurz vor Weihnachten, am vierten Advent, zwei Gesichter.
Im 12.40 Uhr Spiel gegen Cevi Gossau war man gewillt den Leader und haushohen Favoriten wieder zu Ärgern, konnte dem Gegner im ersten Bezirksderby doch ein Punkt gestohlen werden. Die Bäretswiler starteten konzentriert und motiviert in ihr Spiel, keine Frage Dr Jekyll war am Werk: Gewissenhaft erledigte jeder Spieler seinen Job, defensiv wurde sauber kommuniziert, bei Ballbesitz gelang es, geduldig die einfachen Pässe zu spielen, den Gegner laufen zu lassen. In den ersten fünf Minuten verlief das Spiel so recht ausgeglichen, Cevi zwar mit minim mehr Druck, unter dem Strich aber alles im Rahmen. In der 5. Minute dann eine Szene vor dem Bäretswiler Tor: Huber schob sich weit hinaus, um einen weiten Gossauer Pass abzuwehren, nebst dem Ball fällte er aber auch noch den Ex-Bäretswiler J. Abbühl. Der Schiedsrichter sah nur die Aktion gegen den Spieler und nicht die zuerst erfolgte Ballberührung und entschied, etwas ärgerlich, auf Penalty, vielleicht auch, weil zuvor schon einmal ein Gossauer im Goalieraum zu Fall kam? Den Penalty verwertete Gossau relativ sicher zur 1:0 Führung. Die folgenden fünf Minuten konnte Cevi dann etwas mehr Druck aufbauen, nicht zuletzt dank einem stark aufspielenden Huber blieben die Bäretswiler in dieser Spielphase im Spiel. Der DTB hatte deutlich weniger Chancen, die beste Osterwalder, der einen liegengebliebenen Ball vor dem Gossauer Tor erwischen konnte, jedoch am präsenten Keeper scheiterte. Im grossen und ganzen waren die Bäretswiler immer noch ein gewissenhaft arbeitender Dr Jekyll: Sie konnten sich defensiv gut gegen den Favoriten behaupten und zeigten offensiv zumindest immer wieder Ansätze. Einer dieser Ansätze wurde dann in der 14. Minute belohnt: Fischer konnte von der Bande aus G. Meier in der Mitte bedienen, der den Ausgleich erzielte. So stand es wieder unentschieden und das Spiel war offen und die Bäretswiler wurden für ihr einfaches, beherztes Spiel und die gegenseitige Unterstützung belohnt. Ein Missverständnis in der Bäretswiler Abwehr führte zwar noch zum 2:1 vor der Pause, der anziehende Gossauer hatte vor Huber alle Zeit der Welt und die Experten streiten sich bis jetzt darüber, ob er das flache Schüsschen unten links so bringen wollte oder es ihm etwas glücklich aus der Schaufel rutschte. So war Bäretswil zur Pause zwar 2:1 im Rückstand, konnte aber grundsätzlich mit dem Gezeigten zufrieden sein. Mit ein wenig mehr Zug in der Offensive, aufbauend auf ein einfaches, bescheidenes aber darin sehr schönes Spiel, würden vielleicht sogar noch Punkte zu holen sein.
Doch leider begann mit dem Beginn der zweiten Halbzeit auch eine folgenschwere Verwandlung, die in den berüchtigten Mr Hyde. Die Verwandlung passierte irgendwo in den Minuten 22 und 23, als Gossau innert kurzer Zeit drei Tore bejubeln konnte. Zuerst wurde ein Bäretswiler Fehlpass verwertet, danach ein übermotiviertes Anrennen auf einen den Gossauern abspenstig geglaubten Ball von Cevi eiskalt in einem 2:1 in ein Tor umgemünzt und schliesslich fand ein Pass von hinter dem Bäretswiler Tor seinen Weg auf eine Gossauer Schaufel und von da in die nahe Torecke. Plötzlich stand es 5:1 für den Favoriten, obwohl seit der Pause kaum Zeit verstrichen war. Coach Heise nahm das Time-out und mahnte zurück zum Spiel des Dr Jekyll. Doch wie in der Novelle, schienen die Bäretswiler der Übermacht des Mr Hyde ausgeliefert zu sein und konnten oder wollten keinen Weg zurück finden. Beim 6:1 liess man J. Abbühl wieder etwas zu viel Platz, so dass er aus der Drehung satt einnetzen konnte. In der 26. Minute wanderte Schmitter wegen eines Stockschlags auf die Strafbank und die Gossauer machten nicht lange Federlesen und bauten die Führung nach nur gerade drei oder vier Pässen im Powerplay auf 7:1 aus. Das Spiel der Bäretswiler war nun völlig aus den Fugen geraten, kein einfaches Spiel mehr, die anfängliche Freude war wie weggeblasen. Dazu kam, dass einzelne Protagonisten sich auf der Bank gegenseitig fast zerfleischten. Die Chaoskräfte des Mr Hyde zogen das Team mehr und mehr mit sich in den Abgrund, ganz zur Freude der Gossauer, die sichtlich den Plausch am Spiel gefunden hatten. So sehr den Plausch, dass auch sie sich zu einer strafbankwürdigen Regelwidrigkeit hinreissen liessen und Bäretswil endlich in Überzahl antreten durfte. Nach einem kurzen Ballverlust und -wiedergewinn fand der Ball seinen Weg zu Ganz, der alleine auf den Gossauer Torhüter anziehen konnte. Der hinter ihm rennende Verteider wusste sich nicht anders zu helfen, als Ganz von hinten massiv zu stören, zu schubsen, so dass dieser mitsamt dem Ball den Weg ins Tor fand. Das Tor zählte, die Strafe war nach dieser Aktion aber nicht aufgehoben, was die Gossauer – statt sich nach einer doch eher gefährlichen und unsinnigen Aktion zu hintersinnen, darauf brachte, mit dem Schiedsrichter nun noch zu diskutieren, ob das wirklich regelkonform war (die Aktion gegen Ganz war es sicher nicht!). 7:2 stand es also, aber die Bäretswiler waren noch immer gefangen im Modus der Selbstzerstörung. Dafür bot Gossau einen weiteren Leckerbissen: Beim folgenden 8:2 musste der Gossauer Captain nur noch seine Schaufel hinhalten um einen präzisen Pass vors Tor in einem hübschen Bogen ins Tor zu spedieren, so schön könnte Unihockey aussehen, doch ist man Mr Hyde verliert man auch jeden Sinn für Ästhetik, dem Bäretswiler Spiel sah man dies deutlich an. In der 37. Minute wurde dann Ganz noch auf die Strafbank geschickt, zu spät war er an seinem Stürmer dran, und traf mit ihn mit seiner Hand unerwartet hart in der Magengegend, so dass der Spieler zu Boden ging. Und auch dieses Powerplay konnte Gossau in einen Torerfolg verwandeln, wenns läuft, dann läufts, via Pfosten und Torhüter fand der Ball seinen Weg ins Tor zum 9:2. Gossau dann in den letzten drei Minuten ohne Torhüter, um noch das zehnte Tor zu erzielen und die Bäretswiler Demütigung komplett zu machen, nur dies gelang dann doch nicht. Die in der zweiten Halbzeit komplett verwandelten Bäretswiler gingen trotzdem mit geknickten Köpfen und teilweise heftig erregtem Gemüt in die Garderobe. Zwei Spiele Zeit würde man nun haben, um einen Weg zurück zu Dr Jekyll zu finden.
In Spiel zwei an diesem vierten Advent durften die Bäretswiler gegen die Gastgeber Regensdorf antreten. Diese waren bisher in der unteren Tabellenhälfte anzutreffen, jedoch war jedem klar, dass dieses Team nicht zu unterschätzen ist. Mit Freude (es ist ja bald Weihnachten) und Cleverness und mehr offensivem Zug als noch gegen Gossau wollte man gegen die Wehntaler auf die Siegesstrasse zurückkehren.
Das Spiel gegen Regensdorf bot zunächst nicht viel Nennenswertes: Zwar schienen die Bäretswiler auf den ersten Blick präsent und engagiert, sie kommunizierten gut, doch so richtige (Lauf)freude schien nicht aufzukommen. Offensiv gelang in der ersten Halbzeit gerade ein (1!) Schuss aufs Regensdorfer Tor, defensiv dagegen liess man dem Gegner oft genug Platz, um zum gefürchteten Drehschuss anzusetzen. Ein solcher markierte dann auch das 1:0 für die Regensdorfer, kurz darauf konnte aus zentraler Position das 2:0 erzielt werden. Die Bäretswiler auch zu oft in der eigenen Defensive nicht präsent, die Regensdorfer hingegen immer schnell zur Stelle auf die zweiten Bälle. Das 3:0 gelang dann auch auf diese Weise: Kuratle konnte einen Schuss parieren, doch von einem Bäretswiler Verteidiger war weit und breit nichts zu sehen, nur ein Regensdorfer konnte backhand volley einnetzen. In der Pause mahnte Heise zwar wieder zu einem einfachen Spiel mit offensivem Zug, doch irgendwo an diesem Nachmittag scheint bei den Bäretswilern etwas kaputt oder verloren gegangen zu sein. Jeder wollte sein Team selbst retten und statt dem Ball Sorge zu tragen wurden mehr und mehr riskante Pässe gespielt oder gleich ein eigenes Dribbling versucht. Ganz cool dagegen Regensdorf: Ein sauberes, kontrolliertes Zusammenspiel, viel Laufarbeit, kurz gesagt Spielfreude in Reinform. So konnte Regensdorf gar bis auf 4:0 erhöhen, bis S. Meier die Bäretswiler endlich erlöste. Mit allem Willen und aller Kraft fand der Ball im Getümmel vor dem Regensdorfer Tor noch seinen Weg zugunsten der Bäretswiler. Ein Murks, fast sinnbildlich für das Geschehen auf dem Feld. Regensdorf verhielt sich auch bei den Freistössen und dem Steuern aus der gegnerischen Zone clever: Mal für mal konnten sie gefährliche Abschlüsse platzieren und reüssierten auch immer wieder mal. Während also Regensdorf sein Torverhältnis mit den Toren fünf und sechs weiter pflegte, machten einige Bäretswiler dort weiter, wo sie im Spiel gegen Gossau aufgehört hatten, sie lamentierten und kritisierten, das Geschehen auf dem Feld schien schon fast zur Nebensache verkommen. Bäretswil nahm gegen Spielende dann doch noch ein Timeout und setzte alles auf eine Karte: Zuerst noch in den Blöcken hochstehen und offensiv eine (oder zehn!) Schippen zulegen, später dann mit vier Spielern anstürmen. Mit diesem neugefassten Mut setzte Ganz zum Airhook an und konnte sogleich den Treffer zum 6:2 bejubeln. In der anschliessenden Phase von 4:3 allerdings konnten keine weiteren Akzente gesetzt werden, 8:2 verlor man schliesslich gegen die Regensdorfer, die verdient zwei Punkte bejubeln konnten.
Was können die Bäretswiler am Jahresende in den Tagen vor Weihnachten (sehnlich erwarten wir eine Erlösung!), mitnehmen? Warum können seit der WM Pause kaum noch Tore erzielt werden, warum trauen sich die Spieler scheinbar gegenseitig so wenig zu? Dazu gilt es sich bis im Januar Gedanken zu machen.
Bis dahin wünschen wir allen Interessierten, Zugewandten, Gegnern, Schiedsrichtern und anderen Wegbegleitern schöne Weihnachten, mit dem Trost, den wir vielleicht im Lied von Henry Francis Lyte finden, wo es heisst:
Swift to its close ebbs out life’s little day
Earth’s joys grow dim, its glories pass away
Change and decay in all around I see
O Thou who changest not, abide with me
oder in der Übersetzung von Theodor Werner:
Wie bald verebbt der Tag, das Leben weicht,
die Lust verglimmt, der Erdenruhm verbleicht;
umringt von Fall und Wandel leben wir.
Unwandelbar bist du: Herr, bleib bei mir!
Bäretswil: Huber, Kuratle; Brodbeck, Ganz, Gysin; E. Meier, Osterwalder, Schmitter, Weissenberger; Fischer, G.Meier, S. Meier;
Bäretswil ohne Heise, Moser (beide verletzt), Brunner (krank)