Teams, die sich mit Nuglar messen dürfen, sind stets gespannt in welchen Kanton die Schwarzbuben, von Haus aus Solothurner, zum Rencontre einladen. Waren die Bäretswiler vor einigen Jahren im Cuphalbfinal in Sissach zu Gast, durfte man am ersten Märzwochenende in Kaiseraugst AG aufschlagen (die Römersiedlung Augusta Raurica hält sich hingegen nicht an föderale Strukturen, sie erstreckte sich über die Gemeinden Kaiseraugst und Augst BL, die so eng miteinander verflochten sind, das man kaum merkt, dass hier eine Grenze überschritten wird) und ein allfälliges drittes Playoffspiel würde sogar in Basel stattfinden. Überhaupt merkten die Bäretswil bei der Anfahrt auf die Liebrüti, einen Komplex aus den 70er Jahren, der Hochhäuser mit Blick auf Basel, ein Einkaufszentrum und eine Schule mit zugehöriger Turnhalle umfasst, welche Landeier sie eigentlich sind. Tief beeindruckt vom vielen Beton bahnte man sich den Weg vom Parkplatz zum Spielort durch den Betondschungel, der in die letzten Strahlen der ersten Frühlingssonne getränkt, sowohl etwas verklärtes als auch etwas apokalyptisches ausstrahlte. Als alle – inklusive Goalies (die man zusammen fahren lässt, was für ein Vertrauen in deren Navigations- und Autofahrkünste) – eingetroffen waren, ging es ans Aufwärmen, Einspielen und Fokussieren auf die Playoffserie gegen Qualifikationssieger und Vizecupsieger Nuglar United. Den älteren Spielern war Nuglar zwar noch bekannt, aber seit 2019, also Prä-Corona, hatte man gegen das Team keinen Ernstkampf mehr bestritten.
Zum Einspielen gibt es nur zu sagen, dass Captain Osterwalder sich in den letzten Minuten den Fuss vertrampt hatte, das Auffahren sämtlichen verfügbaren medizinischen Arsenals im Team (was da alles auftaucht! Da flogen Tetanusspritzen, Defibrillatoren, Augenlaser, Magnetresonanztomographen, wahrscheinlich nur in gewissen Kantonen zugelassene Aufputsch- und Betäubungsmittel, Sprays unterschiedlicher Couleur, Salben, Tabletten und Skalpelle aus den Taschen) liess Osterwalder dann den Fuss so stabilisieren, dass er ihn vermutlich kaum mehr spüren konnte und ein Mittel nehmen, das ihn – so schien es – vergessen liess, dass er überhaupt noch über einen Fuss verfügte.
Dann also schlug es 18.00 Uhr und vor einem motivierten Heimpublikum und einer ansehnlichen Schar mitgereister Gästefans (oder Ver- und Zugewandter der Gebrüder Meier, diese Mengen sind in etwa deckungsgleich) pfiff Schiedsrichter Roland Kaiser zum Anpfiff von Spiel 1 dieser Viertelfinalserie.
Die ersten Minuten des Spiels gestalteten sich auf beiden Seiten umkämpft, mit Abschlüssen auf beide Tore und wie in einem Teaser gewährte Nuglar schon einmal Einblick in seinen gut gefüllten Kessel an taktischen Werkzeugen: Da wurde gekreuzt, quer verlagert und auf vier Feldspieler gewechselt, als wollte man eine kurze Vorschau auf das geben, was noch kommen würde. Ab der vierten Minute war dann aber fertig geteasert und Nuglar begann Druck aufzubauen und weitere Abschlüsse zu platzieren, die von Huber allesamt spektakulär pariert wurden. Doch entgegen dieser Tendenz eines drückenden Nuglars war es Osterwalder, der das Skore im Spiel eröffnen durfte. Geschickt luchste er etwas vor der eigenen Mittellinie dem anstürmenden Nugler den Ball ab, konnte in der Folge alleine von links aufs Tor ziehen und den Ball in der Folge in der rechten Ecke versorgen. 1:0 für Bäretswil nach etwas mehr als vier Minuten, so konnte man sich das Spiel gefallen lassen. Doch bevor auf der Bank die Details des Tors für diesen Bericht ordentlich notiert worden waren, hatte der Schiedsrichter das Spiel wieder angepfiffen und Nuglar brauchte nur 12 Sekunden um sein Spiel wieder aufzuziehen, den Ball sauber laufen zu lassen und nach einer seiner berüchtigten hohen Querverlagerungen abzuschliessen und den Spielstand wieder auszugleichen. So war die Bäretswiler Freude über die Führung von kurzer Dauer, wie schon bei der Anfahrt notiert, liegen Verklärung und Apokalypse halt manchmal näher beieinander als man denkt. Das Spiel gestaltete sich im Anschluss wieder ausgeglichen und durchaus attraktiv, Nuglar zeichnete sich besonders durch seine Spielübersicht aus, Bäretswil versuchte diese Fähigkeit mit viel Einsatz zu kompensieren, was nicht schlecht gelang. Doch in der elften Minute reichte es dann halt doch nicht ganz. Ein Nugler wurde nur einige Sekunden aus den Augen gelassen und schlich sich rechts vors Tor und brachte sich in Abschlussposition, sein Mitspieler fand ihn blind, diagonal übers halbe Feld und was danach geschah führte zum 2:1 und zur erstmaligen Führung Nuglars. Als G. Meier in der 15. Minute noch wegen überharten Körpereinsatzes des Feldes verwiesen wurde und das Bäretswiler Boxplay sich formieren musste, gelangte der DTB auch nicht näher an einen Ausgleich; im Gegenteil, nur wenige Sekunden brauchte Nuglar in Überzahl, um zentral abzuschliessen und die Führung auf 3:1 zu erhöhen. Doch 3:1 ist im Unihockey kein sicherer Vorsprung, dessen waren sich beide Teams bewusst. Bäretswil lief also weiterhin tapfer, wenn auch manchmal etwas unkreativ an und auch Nuglar brillierte immer wieder mit hochkarätigen Abschlüssen und Verlagerungen, die jedoch allesamt an Torhüter Huber hängen blieben. Es war etwa in dieser Zeitspanne als sich auch die hohe Motivation des Heimpublikums äusserte, doch auch etwas zum Spiel beizutragen, und so flogen oft zwei Bälle aufs Feld, sobald der eben gespielte Ball das Feld verlassen hatte (und das bei Ballbesitz beider Teams, es war also ein „honest mistake“ und kein taktisches Verzögern des Geschehens oder so…) und dies sollte das ganze Spiel hindurch beibehalten werden (manchmal auch in Geschehnissen wie: Ball liegt auf dem Feld, zweiter Ball wird hineingegeben, Ball wird wieder hinausgespielt, ein neuer Ball kommt hinzu, als müsste man zum Anspiel zwei Bälle zur Verfügung haben). Gänzlich unglücklich aus Bäretswiler Sicht gestaltete sich dann das Ende des ersten Drittels: Ein Schuss ging deutlich am Tor vorbei, knallte von der Bande auf der anderen Seite zurück und ein Nugler stand goldrichtig, um nur noch einzuschieben. So kam es zum Pausenstand von 4:1, in einem über weite Strecken attraktiven und auch durchaus spektakulären Spiel.
Mit dem Anpfiff des zweiten Drittels setzte sich das Spektakel dann auch fort. Quasi „Panem et circenses“ in Augusta Raurica also! (Den Kiosk der Nugler konnte ich zwar nicht genau inspizieren, wie genau es also um das „Panem“ stand kann ich nur aus Aussagen von Drittpersonen ableiten. Folgende Anekdote wurde mir berichtet, die von der Bierauswahl am Spielort – und Bier ist ja quasi flüssiges Brot – handelt). Einem erst kürzlich biermündig gewordenen Bäretswiler Fan (ach Sweet 16! das waren Zeiten!) wurde vom verletzten Schmitter auf der Tribüne ein erstes Bier offeriert. Doch anstatt ihn zu beraten, liess er den Jungspund, den ungehopften, unvermälzten Ahnungslosen selbst aussuchen. Der sagte, so wurde mir überliefert: „[Palle Alle], das klingt doch gut, das nehme ich.“ Und war in der Folge überhaupt nicht begeistert von diesem bitteren Gebräu. Scheinbar wäre das Sortiment durchaus erlesen genug gewesen, um etwas gut mundendes zu finden, doch im Sinne der Prävention, kann man wohl auch konstantieren, dass Schmitter hier den Einstieg ins Biertrinken sicher nicht erleichtert hat). Zurück zu Circenses: Auf beiden Seiten wurden munter Abschlussversuche unternommen, Bäretswil oft mit Schüssen, Nuglar hingegen versuchte durch Querverlagerungen oder Eins gegen Null (der Torhüter ist ja bekanntlich niemand) Situationen seine Führung auszubauen. In der 23. Minute konnte dann Nuglar einen Freistoss in der Bäretswiler Ecke ausführen. Von hinter dem Tor fand einmal mehr Kurtesi seinen Mitspieler, der vom Bäretswiler Verteidiger zu viel Platz bekommen hatte, und mühelos das 5:1 erzielen konnte. Noch in selben Spielminute dann endlich ein zählbares Lebenszeichen Bäretswils: Fischer gelangte aus nicht optimaler, spitzwinkliger Position zum Abschluss und durfte den Treffer zum 5:2 bejubeln. Und nur knapp zwei Spielminuten später doppelte Gysin nach. E. Meier fand Gysin, der sich mustergültig von seinem Gegenspieler gelöst hatte nach einem Freistoss im Nuglarer Eck, dieser schoss ohne zu zögern und erzielte das 5:3. Der DTB hatte also keinesfalls aufgegeben, sondern war fest entschlossen das Spiel noch zu wenden. Das zeigte sich im Willen mehr Schüsse aufs Tor zu produzieren einerseits, besonders aber im aufopfernden Verhalten defensiv, das Nuglars Schüsse nicht mehr zuliess. Doch Nuglar hatte es auch nicht nötig jeden möglichen Abschluss zu nehmen, sondern hatte die Geduld, den Ball so lange laufen zu lassen, bis sich die entscheidende Lücke auftat und ein Tor fast sicher war. So in der 26. Minute. Wieder hatte sich das Spielgeschehen hinter das Bäretswiler Tor verlagert, dort zeukelte der ballführende Nugler Torhüter Kuratle so lange, bis dieser hinters Tor griff, gleichzeitig war jedoch Gysin von seinem Pfosten weggelaufen und der hinter dem Tor lancierte Kurtesi konnte in einer blitzschnellen Bewegung den Ball zum 6:3 hinter die Linie schieben. So wenig Zeit, nur einen Bruchteil Unaufmerksamkeit reichte diesem Team, um den Vorsprung zu vergrössern. In der 28. Minute wurde gegen Nuglar eine Strafe wegen Stockschlags gepfiffen. Das anschliessende Powerplay wurde im Rückblick wohl zum Schlüsselmoment im Spiel (ja damit nehme ich jetzt den Ausgang halt schon ein wenig vorweg, aber ihr wisst ja sowieso, wie es ausgegangen ist). Nach dem ersten, gehaltenen Schuss Bäretswils wechselte Nuglar auf drei Spieler und wurde in der Folge gefährlich und verpasste das Bäretswiler Tor nur knapp. Obwohl Bäretswil wieder in Ballbesitz geriet, verstrichen die zwei Strafminuten torlos. Erst in der 31. Minute konnte Weissenberger dann reüssieren: Er knallte den Ball von rechts in die Maschen zum 6:4, lanciert worden war er von Gysin. Jetzt bäumte sich Bäretswil noch einmal auf und in der 36. Minute knallte ein von Fischer abgefangener Ball an die Nugler Latte. Nur kurz darauf wurde sichtbar, dass das Spiel an Ruppigkeit gewonnen hatte. Abseits des Spielgeschehens war S. Meier, kein zartes Geschöpf, buchstäblich meterweit weggeschoben, so konnte Platz für eine weitere Querverlagerung und die 7:4 Führung für Nuglar gemacht werden. Und keine Spielminute später wurde nachgedoppelt, wieder konnte Nuglar von hinter dem Bäretswiler Tor einen Anspielpartner finden, diesmal Volley, der Treffer zum 8:4. Das zweite Drittel war bereits in seinen letzten zwei Minuten als Osterwalder wiederum nur die Latte traf und in den letzten Sekunden drückte Nuglar noch aufs 9:4, das Tor konnte aber knapp verhindert werden.
Im letzten Drittel musste Bäretswil also einerseits die fehlenden vier Tore erzielen und andererseits ein Rezept gegen die wenigen, dafür absolut sicheren Abschlüsse Nuglars finden. Doch der Schuss ging zuerst mal nach hinten los, oder auch von hinten los. Nuglar hatte, kaum war es in Ballbesitz gelangt den Torhüter einmal mehr gegen einen vierten Feldspieler getauscht. Eine schneller Pass zur anderen Seite, ein Schuss und es stand 9:4, fünf Tore Vorsprung für Nuglar. Die Bäretswiler fanden am Anfang des letzten Drittels keinen Tritt ins Spiel, Nuglar kontrollierte das Spiel über weite Strecken, spielte viel in Überzahl und liess den Blöcken kaum Wechselmöglichkeiten. Doch Huber im Tor war präsent und aktiv, mit vollem Körpereinsatz blockte er Schuss um Schuss, dreimal hintereinander mit seiner Maske! In der 50. Minute wurde ein vermeintliches Zorrotor Nuglars aberkannt, in der 51. Minute streckte sich Huber bei einem 1:1 immer weiter, so dass der Spielstand weiter gewahrt wurde. Nur offensiv passierte bei den Bäretswilern zu wenig! Zu allem Unglück fiel dann auch noch das 10:4: In der 52. Minute blockte Huber einen Weitschuss gekonnt. Irgendwie rutschte ihm der Ball aber zwischen den Beinen durch und lag völlig frei im Schutzraum. Der Nugler Stürmer erblickte die Gelegenheit als erster und – bedacht darauf nicht in den Schutzraum zu stehen – streckte seinen Stock aus, um den 10. Treffer zu erzielen (vielleicht gibt es ja noch voriges Pale Ale fürs Team?). Dieser Treffer war nun der Anlass für Coach Webbers Timeout. Ab der 53. Minute trat nun auch der DTB mit vier Feldspielern auf. Und zur nicht minder grossen Überraschung konnte nun plötzlich ein veritabler Druck etabliert werden. Schon in der 54. Minute fand Ganz S.Meier, der mit einer Körpertäuschung den Torhüter ausliess und das 10:5 erzielte. Wenig später war dann Ganz der Torschütze, der auf Zuspiel Osterwalders (wohl immer noch vom Knie an abwärts mehr oder weniger gefühllos und vermutlich leicht sediert) das 10:6 markierte. Das Spiel vier gegen drei schien den Bäretswilern zu liegen! In der 56. Minute konnte S. Meier den Ball am Torhüter vorbeimogeln, jedoch nicht ins Tor spedieren, dies übernahm dann aber der bereitstehende Fischer und plötzlich stand es 10:7 und es waren noch drei Minuten zu spielen. Nun hatte sich Nuglar – das sein Timeout auch noch eingezogen hatte – etwas stabilisiert und die Treffer fielen nicht mehr so hochfrequentig. Im Gegenteil: Auch Bäretswil musste zuweilen wieder auf drei Spieler wechseln und versuchte Nuglar den Ball abzujagen. Huber zeigte ein letztes Mal seine Künste und hielt mirakulös gegen die ebenfalls zu viert anstürmenden Nugler. Die Uhr zeigte 59.37 als Osterwalder seinen Aufsetzer zum 10:8 ins Tor brachte. Und Bäretswil trat nun schon beim Bully mit vier Feldspielern an. Jedoch geriet Nuglar in Ballbesitz und wechselte ebenfalls seinen Torhüter aus, was zu einem etwas absurd anmutenden Spiel vier gegen vier führte. Bäretswil versuchte noch einmal mit aller Kraft das Unmögliche möglich zu machen, doch Nuglar konnte die souveräne Führung behalten und eine Sekunde vor Spielende auch noch den elften Treffer ins leere Tor bejubeln.
Damit steht es in der Playoffserie 1:0 für den Favoriten Nuglar. Doch der DTB gibt nicht auf und freut sich auf das anstehende Heimspiel vom kommenden Samstag um 16.00 Uhr in der MZH Dorf in Bäretswil (nicht halb so urban wie Kaiseraugst, aber immerhin auch viel Beton), und wer weiss, vielleicht gibt es ja noch einen Sonntagsausflug nach Basel?
Bäretswil: Huber, Kuratle; Fischer, G.Meier, Osterwalder; Brodbeck, Ganz, S. Meier; Gysin, E.Meier, Moser, Weissenberger; Bäretswil ohne Schmitter (verletzt), Webber (verletzt, Coaching)