„Es kann einen Christenmenschen wohl beunruhigen, denke ich, wenn mit einem Male Unglück über Unglück über ihn hereinbricht. Wie ein Hiob mag er sich da vorkommen, dem die Söhne und Töchter dahinstarben, und der mit Armut und Aussatz behaftet wurde; aber umso mehr wird er sich dabei doch trösten können und das Unglück als Folge seiner Sünden ansehen dürfen. Doch wenn das Gegenteil eintritt, wenn sich Glücksfall über Glücksfall häuft, da glaube ich, muss doch erst eigentlich Grund zu Beunruhigung sein, denn das ist dann doch völlig unerklärlich. Wo wäre ein Mensch, der dies alles verdiente?“ – Archilochos in Dürrenmatts „Grieche sucht Griechin“

Das Fanionteam des DT Bäretswil begleitete diese Saison ein Tabellenparadox. Dieses lautet ungefähr folgendermassen: Wenn Bäretswil völlig unerwartet vier Punkte holt und sich um gefühlt drei Ränge nach vorne schieben müsste, bleibt es trotzdem auf Rang 6 kleben, wenn aber eine Nullrunde anstand und sich die Platzierung gefährlich in Richtung Abstiegsplatz bewegen müsste, spielten alle anderen Teams genau so, dass Bäretswil standhaft seinen sechsten Platz verteidigte. Die Ausgangslage vor der letzten Runde präsentierte sich also mit diesem Platz sechs, dank Schützenhilfe aus Bürglen, das Davos-Klosters bezwungen hatte und der anstehenden Begegnung der beiden direkten Konkurrenten Niederwil und Davos-Klosters, würde mit vier Punkten fast sicher die Playoffqualifikation möglich sein, vielleicht sogar mit weniger. Der Umstand, dass mit dem ersten Gegner ausgerechnet die noch ungeschlagenen Mörschwil „Red Bull“ Dragons warteten, tat dem Bäretswiler Optimismus keinen Abbruch, denn die Erfahrung lehrt, dass gegen gute Gegner tendenziell auch gute Leistungen gezeigt werden. Auch das Rundherum stimmte: Cazis hatte zum vorläufig letzten Mal in die schöne Halle in Landquart eingeladen, wo alle in mehr oder weniger gutem Gehabstand sogar noch zu einem Parkplatz gekommen waren. Auch Bäretswiler Fans waren verhältnismässig gut vertreten und so konnte das Spiel beginnen: Für den DT Bäretswil entscheidend im Hinblick darauf, ob man die Playoffs zum dritten Mal in Folge erreichen würde, für Mörschwil eine gute Gelegenheit, noch letzte Sächeli auf die schon seit langem feststehenden Playoffs auszuprobieren.

Der Einstieg ins Spiel gelang gut: Mörschwil zeigte zwar von Beginn an Klasse, aber Bäretswil war bemüht den Unterschied mit Einsatz wett zu machen. In der siebten Minute wurde dann sogar eine Strafe gegen Mörschwil gepfiffen, so dass den Bäretswilern ein Führungstreffer quasi auf dem Silbertablett serviert wurde. Hier zeigten sich dann aber doch einige Risse in den Bäretswiler Anstrengungen: Richtig zwingend konnte der Ball nicht aufs Tor gebracht werden und vielleicht zeigte sich auch eine gewisse Nervosität. Als von der Bank bei eigenem Freistoss und zehn Sekunden vor Ablauf der Strafe der Wechsel gefordert wurde, blieb die Powerplayformation selbstbewusst auf dem Feld, setzte den Freistoss in den nächstbesten Gegenspieler und beim nachfolgenden Konter konnte Mörschwil dann wieder vollzählig den ersten Treffer bejubeln, Huber, dessen Paraden, den DTB bisher im Spiel gehalten hatten, hatte den Ball eigentlich erwischt, spürte ihn aber einen Moment lang nicht und dachte „jetzt nicht zu stark bewegen, kein Druck, damit ich ihn nicht ins Tor schiebe“ und so konnte der Ball unter seinem Arm durchkullern. Dumm gelaufen, könnte man sagen, die Szene war aber nur ein Vorgeschmack auf das glücklose Agieren, das noch folgen würde. Zuerst aber weiteres sauberes Arbeiten auf Bäretswiler Seite, denn ein Tor ist kein Tor und sowieso würde heute Unihockeygeschichte geschrieben (klar im Rückblick scheinen diese Gedanken vermessen, geradezu lächerlich – doch hat noch nie ein Team völlig überraschend gewonnen und danach behauptet, sie hätten nie an den Sieg geglaubt. Es braucht wohl für einen Überraschungssieg 99 Spiele, in denen völlig irrsinnig, lächerlich und vermessen an einen Sieg geglaubt wird und die dann eben so deutlich und diskussionslos verloren gehen). In der neunten Minute gelang es G. Meier, nach einem spektakulären Ballgewinn Brodbecks endlich den Ball zum Ausgleich unter die Latte zu hauen, wohl der einzige Ort, an den der WASA Mörschwil Goalie in diesem Moment nicht heranreichte. Denn es war nicht so, als wäre dies bis anhin die einzige Bäretswiler Chance gewesen, keineswegs, aber eben die einzige, in der der Mörschwiler Hintermann endlich einmal bezwungen werden konnte. Die Freude war gross und währte nur kurz. Mörschwil erhöhte keine Minute später auf 2:1 und gute 60 Sekunden später sogar auf 3:1, Bäretswil wirkte jetzt etwas unsortiert und vielleicht auch hilflos. Durch diese Desorientierung ausgelöste Lücken vermochten die St. Galler gekonnt auszunutzen und dergestalt gelang dann auch durch eine schöne Querverlagerung das 4:1 in der 14. Minute. Vorerst reichte es den Bäretswilern und sie gingen wieder etwas koordinierter ans Werk, aber dennoch blieben zu viele Schüsse zu früh im Gegenspieler hängen und kaum ein Block konnte den Ballbesitz an den nächsten Block übergeben, ohne den Ball vorher mühsam zurückerobern zu müssen. Mörschwil begann zu allem Überfluss nun auch noch phasenweise seinen Torhüter durch einen vierten Feldspieler zu ersetzen und 30 Sekunden vor der Pause konnte es so auch noch mit einem Schuss von der Aussenposition das 5:1 besiegeln. Vielversprechender Lichtblick in der letzten Sekunde der ersten Hälfte: G. Ganz. mit einem Lupfer von ganz hinten spedierte er den Ball ins freie Mörschwiler Tor zum 5:2. Einerseits endlich wieder ein Treffer für Bäretswil – andererseits der Beweis, dass auch Bäretswil das leere Tor durchaus treffen kann.

Ein 5:2 ist noch kein Grund zur Panik, das kann im Unihockey noch gedreht werden und in dieser Saison wurden auch schon Spiele gegen Spitzenteams gedreht. Deshalb fassten die Bäretswiler neuen Mut (oder sie taten auf jeden Fall so, wer hört schon die Stimmen, die einem ganz tief innen zuflüstern, dass der Mist geführt, der Kuchen gegessen oder die Saison zu Ende ist?) und hofften (vielleicht auch etwas verzweifelt) auf ein gutes Ende der Sache. Exakt eine halbe Minute guten Mutes brauchte Mörschwil, um den Ball von G. Meier abzuluchsen und mit einem präzisen Schuss das 6:2 zu markieren. Wieder eine halbe Minute später ein erneuter Ballverlust Bäretswils und der Mörschwiler Spieler konnte gar alleine aufs Bäretswiler Tor ziehen und das 7:2 bejubeln. Mörschwil spielte nun wirklich attraktives Unihockey und zauberte, was das Zeug hielt, während auf Bäretswiler Seite nullkommagarnichts gelingen wollte und wäre man nicht in der verzweifelten Lage gewesen, dass ein Sieg für die Playoffqualifikation nötig war, hätte man wohl auch mit viel Freude das Mörschwiler Spiel gefeiert. Nun denn die weiteren Tore: 24. Minute: Mörschwil chippt den Ball in die weite Ecke, wo dieser nur angetippt werden muss, um den Weg ins Tor zu finden, 28. Minute, Mörschwil schiesst, D. Weissenberger ist mit seinem Stock nah dran – und lenkt den Ball unhaltbar zum 9:2 ab, 31. Minute: Bäretswil zweimal einen Schritt zu spät beim Gegner, wieder gibt es eine Querverlagerung und der Ball zappelt zum zehnten Mal im Bäretswiler Netz. Dass G. Ganz auf Zuspiel von S. Meier seinen zweiten persönlichen Treffer zum 3:10 in der 33. Minute erzielen konnte, blieb ein kurzes erfreuliches Intermezzo. Zwar kamen die Bäretswiler nun durchaus zu Abschlüssen, doch die Genauigkeit dieser oder der Mörschwiler Goalie machten den Versuchen ein ums andere Mal den Gar aus und wenn es keiner dieser Gründe war, dann wurde Bäretswil regelwidrig am Tore schiessen gehindert. Der in der 34. Minute gepfiffene Penalty wurde von S. Meier ausgeführt, sein Schuss war präzis und schnell wie der Blitz, doch die Hand des Mörschwiler Torhüters schnellte nach oben und blockte den Versuch ein weiteres Mal. Keine Minute später dann wieder Mörschwil: Schuss, abgelenkt, Tor, 11:3. Der DTB hatte schon lange nichts mehr zu verlieren und die meisten hatten sich auch schon vom schlimmsten Schock erholt, trotzdem versuchte er noch mit vier Feldspielern irgendeine Wende zu erzwingen. Tatsächlich resultierte daraus ein Tor, jedoch wieder für Mörschwil. Am Schlussresultat von 12:3 änderte auch der zweite für Bäretswil gepfiffene Penalty nichts: G. Meier blieb an den Beinen des Mörschwiler Torhüters hängen und reihte sich damit in die glücklosen Versuche der Bäretswiler ein. Damit war die Playoffqualifikation verpasst und dies mehr als deutlich: An einem anderen Tag, gegen einen Gegner in anderer Form wäre vielleicht etwas dringelegen, doch in diesem Spiel spielte Tag gegen Nacht: Mörschwil spielte freudig auf und – wie heisst es so schön: Wer hat, dem wird gegeben – zur Klasse kam auch noch das Glück des Tüchtigen, während Bäretswil sich abstrampelte und zum Ungeschick auch noch Pech hatte. Das zweite Spiel des Tages gegen Elgg hatte damit keine richtige Relevanz mehr, es würde nur noch über die Platzierung in den Rängen 5-7 entscheiden.

Doch wie hiess es dann in der Garderobe: Dieses Spiel sei das erste der nächsten Saison (so viel sei verraten, es war wohl hoffentlich nur das hinterletzte der übernächsten Saison), man reisse sich zusammen – und ja vielleicht lasse man dann am Schluss noch etwas Möglichkeit, damit J. Ganz seine Karriere feierlich beenden kann.

J. Ganz (auch gegen Elgg, in Elgg, am 9.12.2007)

(Exkurs Johnny Ganz: Johnny Ganz war bereits in der Saison 2007-2008 Teil jenes Bäretswiler Teams, das in der Saison vor der Vereinsgründung unter dem Dach des damaligen UHC Hittnau ein erstes Mal 4. Liga spielte – übrigens just gleichzeitig und in der Gruppe mit dem UHC Wuppenau, der dem DT Bäretswil dann noch lange Jahre bis in die 1. Liga immer wieder über den Weg laufen würde. Damals war er noch regelmässig mit dem Velo unterwegs vom heimischen Tösstal nach Bäretswil oder nach Hittnau, auch Samstags vor 8.00 oder im Winter bei Schnee! Das heisst die Karriere J. Ganzens ist älter als gewisse Spieler im Kader der Bäretswiler, er ist damit auch der letzte Feldspieler aus der Anfangszeit, der seinen Rücktritt aus dem Herren 1 gegeben hat).

auch J. Ganz, gegen Elgg, in Elgg, als man in der 4. Liga nicht über ein 6:6 Unentschieden hinausgekommen war (das waren noch Probleme)

So begann also nun das letzte Spiel der vorigen Saison: Das Spiel machte vor allem Elgg, Bäretswil war kaum im Ballbesitz und wenn, dann nahm man den zartesten Abschluss, um dem Ball wieder hinterherzurennen. Das 1:0 fiel bereits nach Eineinhalb Minuten durch einen weiten Drehschuss. In der sechsten Minute wurde eine sehr harte Strafe gegen Webber gepfiffen, das Powerplay der Elgger brauchte nur eine Minute für die Verdoppelung des Scores (eine gefühlte halbe Minute davon hatte der Elgger Point Zeit, den Ball zu büscheln und genau zu zielen). In der 9. Minute konnte Elgg dann auch noch einen Pass in die Mitte bringen und von dort das 3:0 unterbringen. Und wenn im ersten Spiel das leise Stimmchen an den zarten Bäretswiler Seelen nagte, das ihnen einflüsterte, da sei nichts mehr zu holen, dann flüsterte dasselbe Stimmchen wohl nun etwas lauter (aber doch so gut unter Verschluss, dass niemand anderes es hören konnte), da müsse ja auch nichts mehr zu holen sein. Gewiss, die treuen Bäretswiler widersprachen dem Stimmchen Mal um Mal vehement, leugneten es, taten es ab, kamen aber nicht umhin, da und dort sich selbst zu fragen, ob es den ganzen Aufwand noch wert wäre. Während Bäretswil so vor sich hinhaderte, hatte wenigstens Elgg den Plausch am Spiel, war mehrheitlich im Ballbesitz und gefiel sich darin, die Bäretswiler noch ein wenig rennen zu lassen. Als dann in der elften Minute aber doch Elgg mal rennen musste, war der Plausch und der gute Umgang für einmal kurz vergessen und J. Ganz, ballführend, ward in den Rücken gecheckt, so dass eine Strafe gegen Elgg unausweichlich war. Im folgenden Powerplay konnte G. Meier reüssieren und auf 1:3 verkürzen. Doch wer nun auf eine spannende Aufholjagd gehofft hatte, wurde zum zweiten Mal an diesem Tag enttäuscht. Weiter war Bäretswil nicht ganz so nah am Gegner und nicht ganz so kreativ am Ball, wie es geboten gewesen wäre. So fiel das 4:1 in der 13. Minute und nach einer Strafe gegen G. Meier wegen wiederholten Stockschlags in der 14. Minute auch noch das 5:1 in der 15. Minute. Mit diesem Zwischenstand ging es in die Pause, die von Parolen und lautem Ankämpfen gegen das Stimmchen geprägt war (aber an unverdientes Glück glaubten wir – ganz wie Dürrenmatts Archilochos, dann halt doch nicht – wir sind aber sonst keine Archilöcher).

In der 25. und 26. Minute fielen durch je einen Weitschuss und einen Abschluss aus der Mitte das 6:1 und das 7:1. In der 28. Minute wurde wieder ein Penalty für Bäretswil gepfiffen und natürlich kam J. Ganz die Ehre zu, und als Premiere an diesem Tag versenkte er den Versuch auch gleich zum 7:2 und in seiner ganz typischen Manier forderte er die anderen Schützen sogleich zum Mitschreiben auf, ja von diesem alten Hasen kann man halt doch noch etwas lernen. In der 30. Minute durfte dann auch noch Osterwalder auf die Strafbank und wieder brauchte Elgg eine Minute bis zum Treffer zum 8:2. Es fiel dann auch noch das 9:2, wo J. Ganz (der ist ab jetzt der Protagonist in der Erzählung) die Sicht derart professionell nahm, dass Ballabgabe und Flugbahn für Kuratle im Tor völlig unbekannt blieben. Von diesem darauf angesprochen meinte J. Ganz nur lapidar „Du kannst ihn auch einfach halten“ – normalerweise dünnes Eis vor allem beim auf dem Feld zur Cholerik neigenden Kuratle, zu diesem Zeitpunkt aber nicht mehr allzu relevant. Die zwei letzten Spielminuten waren nun dem Abtretenden gewidmet. Er spielte durch und nachdem zuerst noch der 10. Treffer hingenommen werden musste, durfte J. Ganz unter dem Jubel aller seiner Teamkameraden dann tatsächlich noch den Abschlusstreffer in der Saison erzielen. Drei Sekunden vor Schluss bejubelte er das 3:10.

Damit war das Spiel dann auch zu Ende, Bäretswil zeigte sich mehr als nur blass, während Elgg bis zuletzt mit Freude bei der Sache war. Bäretswil beendet die Saison damit statt auf dem erhofften vierten auf dem 7. Rang. Ob letztendlich der schwache Saisonstart, die fehlenden Punkte gegen „Gegner, gegen die wir gewinnen müssen“, die gehäuften Verletzungen oder die schwache Offensive (am wenigsten Tore geschossen) den Ausschlag gaben, muss der Analyse der Experten im Team überlassen werden. Fakt ist: Der DTB hat sich eine weitere Saison tapfer durch die 1. Liga KF geschlagen, als Team viel gelacht, viel neues über sich gelernt, hat zusammen gewonnen und zusammen verloren und macht sich bald Gedanken zur nächsten Saison, die – so viel sei verraten von internen Umbrüchen geprägt sein wird.

Bäretswil: Kuratle, Huber; Brodbeck, S. Meier, Webber, D. Weissenberger; G. Ganz, J. Ganz, E. Meier, G. Meier; Bäretswil ohne Moser (verletzt), Pfiffner (verletzt), R. Weissenberger (verletzt)